Gottesdienst am 9.11.2014 in Berlin-Rosenthal

GOTT SEI DANK – BLEIBEN WIR DRAN!

von Swen Schönheit

„Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten.“ Dieses Zitat von Horst Sindermann, dem Präsidenten der DDR-Volkskammer, bringt es auf den Punkt: Die Umbrüche im Herbst 1989 konnte niemand wirklich vorhersehen. Was mit kirchlichen Basisgruppen begann, engagiert für Frieden und Umweltschutz, führte zu regelmäßigen Gebeten am Montag. Was dort an Glaubensmut und auch an bürgerlicher Wut zusammenkam, formierte sich in gewaltigen Demonstrationen. Was das Volk auf der Straße einforderte, führte schließlich zur Öffnung der Grenze – 40 Jahre nach Gründung der DDR. Heute nach 25 Jahren haben wir uns längst gewöhnt an dieses Wunder der Geschichte. Gerade deshalb sagen wir gemeinsam mit vielen Christen in diesem Land: Gott sei Dank! Ihm gebührt dafür die Ehre. Du sollst von den Wundern der Vergangenheit sprechen und deinen Kindern erzählen, was der Herr für uns getan hat, wird Israel in den Psalmen aufgefordert, „damit spätere Generationen es auch ihren Kindern erzählen und diese ihr Vertrauen auf Gott setzen“ (Psalm 78,4-7).

Für mich ist es ein besonderes Geschenk, dass ich heute in dieser Kirche predigen darf. Im Sommer 1989 zogen wir ins Märkische Viertel. Nachdem ich meinen Dienst in der APG begonnen hatte, ging ich früh morgens immer wieder per Fahrrad in den Freizeitpark Lübars. Von dort aus schweifte mein Blick über den Todesstreifen … in der Ferne erkannte ich den Kirchturm von Rosenthal. Meine Gebete wurden intensiver, und die vieler Christen in Ost und West – bis Gott uns sehen ließ, was wir höchstens geahnt hatten: Deutschland überwindet seine Teilung und wir werden noch einmal ein Volk! „Da waren wir wie die Träumenden“, diese Stimmung aus Psalm 126 erfasste viele von uns. „Wahnsinn“ wird zum Wort des Jahres.

Schauen wir uns den 9. November 1989 kurz in Zeitraffer an: In der Ost-Berliner Sophienkirche findet eine Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht im November 1938 statt. Um 15:30 Uhr berät das Zentralkomitee der DDR einen Gesetzesentwurf zur „Ständigen Ausreise“. Günter Schabowski hält um 18:00 Uhr eine Pressekonferenz ab mit der denkwürdigen Bemerkung: „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich“. In der ARD-Tagesschau wird gemeldet: „Auch die Mauer soll über Nacht durchlässig werden.“ Ein erster Ansturm von DDR-Bürgern sammelt sich an der Bornholmer Straße. Der Druck wird immer größer, und so wird um 23:30 der Schlagbaum endgültig geöffnet. Kurz vor Mitternacht stehen die Menschen feiernd auf der Mauer am Brandenburger Tor.1 Die sicherste Grenze der Welt hat ausgedient. Menschen aus Ost und West liegen sich in den Armen. Deutschland hat ein neues Datum in seinem Geschichtsbuch, das für eine unblutige Revolution steht: Das Wunder der Freiheit und Einheit!

Dabei zieht sich der 9. November wie ein roter Faden durch unsere deutsche Geschichte mit all ihren Höhepunkten und Tiefpunkten:

  • Am 9. November 1918 dankt der letzte deutsche Kaiser ab. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wird die Republik ausgerufen.
  • Am 9. November 1923 versucht sich Adolf Hitler in München an die Macht zu putschen.
  • Am 9. November 1938, genau 15 Jahre später brennen im ganzen Land die Synagogen, jüdische Geschäfte werden zerstört. Die deutschen Juden werden zu Staatsfeinden.
  • Am 9. November 1989 wird die Berliner Mauer friedlich geöffnet – 28 Jahre nach ihrer Errichtung.

Ist dies eine zufällige Wiederholung dieses Datums (unseres „9-11“), oder gibt es da innere Zusammenhänge? Können wir Christen mehr sagen als „Gott sei Dank!“? Erkennen wir Gottes Hand in unserer so besonderen Geschichte? Wer einmal tiefer ins Alte Testament einsteigt, dem wird auffallen, wie intensiv sich Gott um einzelne Völker kümmert – nicht nur um sein Volk Israel. Wie er sie mit „du“ anspricht, als wären sie Persönlichkeiten, mit ihrer Lebensgeschichte, ihrem Potenzial, ihren Abwegen und Abgründen. Ja, bis heute gilt, was der Psalm vom Gott der Bibel sagt: „Seine Augen prüfen die Völker“ (Psalm 66,7).

Dietrich Bonhoeffer formulierte im Jahr 1943, als der Holocaust schon seinen unheilvollen Lauf nahm: „Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude.“ Haben wir je über folgenden Zusammenhang nachgedacht: Als Gott Abraham erwählt, spricht er ihm zu: „Wer dich segnet, den werde ich auch segnen. Wer dich verflucht, den werde ich auch verfluchen. Alle Völker der Erde werden durch dich gesegnet werden“ (1.Mose 12,3). Antisemitismus ist deshalb – bei Licht betrachtet – ein Angriff gegen Gott selbst. Und am Ende des Alten Testaments heißt es: „Wer euch antastet, tastet meinen Augapfel an“ (Sacharja 2,12). Wenn wir Gott als Herrn der Geschichte ernstnehmen, müssen wir demütig anerkennen: Unser Volk hat sich selbst das Gericht zugezogen, als es seine Hand erhob gegen Gottes auserwähltes Volk. Deutschland hat letztlich sein eigenes Herz verloren, als es die Juden umbrachte. Städtebaulich war mir dies immer eindrücklich am Potsdamer Platz: Hier stand das Herz unserer Stadt still – und es wartete …

Der Abend des 9. November 1938, an dem die Synagogen in unserem Land brannten, war der Vorabend zu Martin Luthers Geburtstag. So steht dieses Datum auch für Gottes Gericht über einer kraftlosen Kirche, die – wie Bonhoeffer formulierte – verstummte, „wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. Sie hat das rechte Wort in rechter Weise zu rechter Zeit nicht gefunden.“3 Mit der Verwerfung des Alten Testaments und der Ablehnung der Juden hat sich die Kirche der Reformation ihrer eigenen Wurzel beraubt – und zugleich dämonischen Kräften die Tür geöffnet.

Für geborene DDR-Bürger mag der Gedanke eine Zumutung sein, auch die deutsche Teilung quasi als Spätfolge dieses Gerichts über Deutschland anzusehen. Christen im Osten haben einen weitaus höheren Preis bezahlt in Form von Unfreiheit, Unterdrückung, staatlicher Bevormundung. Ihr habt als Kirche in der DDR allerdings auch deutlicher an der Kraft des Evangeliums festgehalten im Vergleich zu vielen Gemeinden im Wohlstandsland Bundesrepublik. Vielleicht können wir erst jetzt, wo wir auf den 9. November 1989 zurückblicken, den ganzen Zusammenhang von Gericht und Gnade erkennen. Ja, wir werden die Gnade Gottes in unserer Geschichte überhaupt erst richtig schätzen können, wenn wir auch den Schuldzusammenhang im Licht Gottes anerkennen. Deutschland – Land der unverdienten Gnade! Das ist ein Grund zum Feiern. Zum Danken. Zum Zusammenkommen an diesem Tag. Hier liegt wohl auch das Geheimnis, dass unsere Stadt Berlin seit der Wende immer attraktiver wird: ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, in dem wir Handschrift Gottes ablesen können – wenn wir wollen.

Ein letzter Gedanke heute zum 25. Jahrestag des Mauerfalls: Wenn wir die Öffnung der Mauer als Ausdruck der unverdienten Gnade Gottes werten dürfen – was machen wir dann mit seiner Gnade? Der Wochenspruch dieses Sonntags ruft uns ja zu: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“ (2.Korinther 6,2). Dazu wenige Federstriche zum Schluss:

  1. Gnade ist immer unverdient – gratis. Deshalb dürfen wir nie aufhören Gott dafür zu danken und ihn zu ehren. Der 9. November sollte ein bleibendes Datum in unserem Geschichtsbewusstsein bleiben, wo wir Gott die Ehre geben über unserer Nation.
  2. Gnade will uns demütig halten. An dieser Stelle haben wir sicherlich auch versagt: gerade wir „Wessis“, die nach der Wende vielfach belehrend, besserwissend, auch marktwirtschaftlich berechnend im Osten aufschlugen. Demut als gute und neue-deutsche Tugend – das würde unseren Umgang miteinander deutlich erleichtern!
  3. Gnade leitet uns zur Umkehr, sagt Paulus (Römer 2,4). Oder um es mit Jesus zu sagen: Wem viel vergeben ist, der liebt auch viel (Lukas 7,47). Vielleicht erwartet Gott von uns Deutschen mehr als von anderen Völkern: an Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft, Verantwortlichkeit für andere. Er ruft auch unsere Kirche zur Umkehr: Uns ist das Evangelium anvertraut … und es „auszurichten an alles Volk“ ist ein unerfüllter Auftrag.4

Der 9. November steht seit 25 Jahren für Gottes unverdiente Gnade über Deutschland. Ein Datum, das uns zugleich in die Pflicht nimmt: Zeugnis zu geben von unserem unvergleichlichen Gott, der gerecht ist und gnädig, der vergibt und heilt und zusammenbringt, was zusammen gehört.

Amen.

  1. Das Wunder der Freiheit und Einheit, Hrsg. von Harald Bretschneider, Bernd Oettinghaus, Frank Richter, Leipzig 2014, S. 288
  2. Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1975, S. 95
  3. Ethik, S. 120
  4. Theologische Erklärung von Wuppertal-Barmen 1934, 6. These

Swen Schönheit ist evangelischer Pfarrer an der Apostel-Petrus-Gemeinde in Berlin (Märkisches Viertel) und Theologischer Referent bei der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung Deutschland (GGE).

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