Bevollmächtigung

Wie sich geistliches Leben multiplizieren kann

Von Swen Schönheit

„Einiges jedoch fiel auf guten Boden und brachte Frucht – zum Teil hundertfach, zum Teil sechzigfach, zum Teil dreißigfach. … Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf sein Feld sät. Es ist zwar das kleinste aller Samenkörner. Aber was daraus wächst, ist größer als alle anderen Gartenpflanzen. … Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Himmelreichs …“
(Matthäus 13,8.31-32.38 | Neue Genfer Übersetzung).

Das Reich Gottes, wie Jesus es verstand, ist auf Multiplikation angelegt: Unscheinbare Anfänge haben große Auswirkungen. Prozesse im Verborgenen führen irgendwann zu sichtbaren Veränderungen. Das Leben einzelner Menschen gleicht der Wirkung von Saatkörnen, Salz und Sauerteig. Wer Jesus angehört, wird selbst zum „Licht der Welt“, gleicht einer „Lampe“ im Haus oder einer „Stadt, die auf einem Berg liegt“ (Mt 5,14-15). „Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20), konnte Paulus ausrufen und beschrieb damit seine neue Existenz.

Jesus hat die Spur gelegt: Mit der Investition in Einzelne, der Auswahl seiner zwölf Schüler, schuf er die Voraussetzungen für eine weltweite Bewegung, die bis heute nicht gestoppt werden konnte. Wir haben uns daran gewöhnt, sie „Kirche“ zu nennen, uns in „Gemeinden“ zu versammeln. Was dahinter steht, ist jedoch eine Stabübergabe von Generation zu Generation, ein Lauffeuer, das weltweit Menschen mit der Liebe Gottes entzündet. „Ich wünschte, es würde schon brennen!“ (Lk 12,49), beschrieb Jesus seine Vision. In seinem Sinn ist Gemeinde also eine Bewegung mit ansteckender Wirkung, nicht in sich abgeschlossene Gruppen! Jesus bezeichnete sie mit dem eher politisch geprägten Begriff Ekklesia (Mt 16,18): „Versammlung“ zum Wohl der Stadt. Damit ist Gemeinde der von Gott geliebten Welt zugewandt und zieht sich nicht in fromme Nieschen zurück! Natürlich ist Gemeinde auch ein Ort der Ruhe, der Sammlung, der Geborgenheit, aber dabei kein Selbstzweck. Ekklesia ist eine Agentur, die sich dem Auftrag ihres Herrn stellt: „Geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinem Jüngern“ (Mt 28,19).

Gemeindearbeit: Multipliziert sich hier geistliches Leben?

Wie sieht es heute bei uns aus: in der Gemeinde vor Ort mit ihren Gruppen und Kreisen, in unserer Kirche insgesamt? Erleben wir eine Multiplikation von geistlichem Leben? Entwickeln einzelne Menschen – wie Samenkörner – geistliche Fruchtbarkeit? Wirken sie – wie Salz – verändernd auf ihre Umgebung? Haben sie Ausstrahlung – wie Licht – gegenüber ihren Mitmenschen? Ist es überhaupt Ziel unserer Gemeindearbeit, dass „Christus in euch – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit“ erkennbar wird und dass man uns nach dieser Hoffnung fragt (Kol 1,27; 1 Petr 3,15)? Noch simpler und ungeschützter gefragt: Wozu sind wir überhaupt Kirche? Wozu der ganze Aktivismus, der Gemeindeleben ausmacht?

Unser Land verfügt noch immer über ein flächendeckendes Netz von Ortsgemeinden. Obwohl die „Grundversorgung“ – vor allem auf dem Land – immer weniger gewährleistet werden kann, gilt das System des Pfarrbezirks (Parochie) unvermindert. Trotz aller Distanz zur Kirche fragt ein Teil der Bevölkerung zu den Höhepunkten des Lebens nach ihr: zur Taufe, Konfirmation, Hochzeit und dann zur Beerdigung. Irgendwie möchte man „unter Gottes Segen“ stehen. In diesen Momenten zeigt Kirche Gesicht, und zwar vor allem in Gestalt ihrer Pfarrer/innen und Pastoren/innen. Die Gemeinden selbst sind jedoch allzu oft in sich geschlossene Zirkel: Man kennt sich, trifft sich in Kreisen, hat seine Stammplätze und ist mit den kirchlichen Gepflogenheiten vertraut. Nur wenige Gemeinden haben eine einladende Kultur und ausstrahlende Kraft auf Außenstehende. Gemeindearbeit mit der Zielsetzung, „die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Bekenntnissynode in Wuppertal-Barmen 1934), also missionarisch ausgerichtete Gemeindearbeit, bleibt hierzulande leider die Ausnahme. Kreisen unsere Gemeinden um sich selbst? Bleiben sie stecken in der Erwartung, von ihren „Amtsträgern“ versorgt zu werden? Woher kommen die offenbar fehlende Vollmacht und geistliche Kraftlosigkeit in einer der reichsten Kirchen der Welt?

Die guten Gedanken der Reformation heute umsetzen!

Zu den Errungenschaften der Reformation gehört die geistliche Aufwertung der Laien, ob nun im Dienst der Kirche oder im weltlichen Beruf. Als Martin Luther 1520 „An den Adel deutscher Nation“ schrieb: „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes; es ist unter ihnen kein Unterschied als allein hinsichtlich des Amtes. … Wir werden allesamt durch die Taufe zu Priestern geweiht“, rüttelte er am Fundament einer von Papst und Priestern dominierten Kirche. Obwohl Luther die Bibel unters Volk brachte und sich eine mündige Gemeinde wünschte, geriet die Reformation jedoch wieder ins alte Fahrwasser der Amtskirche. Luther setzte auf den politischen Einfluss der Fürsten, die nun in ihren Gebieten die Reformation einführten und damit durch die Verknüpfung von Thron und Altar ein „landesherrliches Kirchenregiment“ etablierten. Schließlich haben die Reformatoren das breite Spektrum der neutestamentlichen Gaben nur ansatzweise wiedererweckt. Luther sah die zentrale Rolle bei der Erneuerung der Kirche im „teuren Predigtamt“. Die Entwicklung eines evangelischen „Amtsbewusstseins“ war damit vorprogrammiert, was „schließlich zu einem Monopol des Predigers führte“ (Otto Weber).

Die guten Gedanken der Reformation liegen heute noch als unerledigte Hausaufgabe vor uns. Das Gefälle zwischen Pfarrer und Laien, zwischen „studierten Theologen“ und „Gottesdienstbesuchern“ prägt traditionell das Gemeindeleben. Bereits in den 1960er Jahren beklagte Rudolf Bohren, Professor der praktischen Theologie, „dass das Pfarramt in seiner heutigen Gestalt einer nach Gottes Wort reformierten Gemeinde nicht mehr entspricht, dass das Gegenüber von Pfarrer und Gemeinde fatal unbiblisch geworden ist.“ Statt die „Mannigfaltigkeit der Dienste“ in unseren Gemeinden zu fördern, haben wir „die Gaben weithin eingesargt ins Pfarramt.“ Solche mahnenden Stimmen finden sich in der Literatur während der letzten Jahrzehnte immer wieder. Vor kurzem erst formulierten Peter Böhlemann und Michael Herbst: „Wir haben in der Theologie den Fehler gemacht, fast alle im Neuen Testament genannten Charismen strukturell im Pfarramt zu verankern.“ Es muss zu einem grundlegenden Umdenken kommen in folgender Richtung: „Die Amtsträger sollen die Christen ‚zurüsten‘; aber sie sollen nicht selbst alle Funktionen in der Kirche wahrnehmen.“

Kirche: der vitale Christus-Leib

Vor rund 20 Jahren brachte Christian A. Schwarz das Konzept der „Natürlichen Gemeindeentwicklung“ auf den Markt. Seitdem haben sich weltweit über 70.000 Gemeinden auf diesen Weg einer realistischen Selbsteinschätzung gemacht. Gemeinden ermitteln bestimmte „Qualitätsmerkmale“ und ziehen daraus entsprechende Konsequenzen, möglichst zuerst am schwächsten Punkt („Minimumfaktor“). Die schlichte, am Neuen Testament orientierte Devise heißt für Schwarz: „Weg von menschlich ausgedachten Erfolgsprogrammen hin zu Wachstumsprinzipien, die Gott selbst seiner Schöpfung gegeben hat“ (vgl. Mk 4,20.28.32). Wo Qualität ist, wird die Quantität auf Dauer nicht ausbleiben. Nicht wir müssen unsere Gemeinden auf Wachstumskurs bringen – Gott selbst stellt sich zu einer Gemeinde, die um seinetwillen die richtigen Prioritäten setzt (vgl. Apg 2,42-47). Interessanterweise nennt Schwarz als erstes seiner acht Qualitätsmerkmale „bevollmächtigende Leitung / Bevollmächtigung“: „Leiter wachsender Gemeinden … bemühen sich, anderen Christinnen und Christen zu dem Grad an Vollmacht zu verhelfen, der ihnen nach Gottes Plan zusteht. Sie befähigen, unterstützen und begleiten die einzelnen Gemeindeglieder, damit sie schließlich zu dem werden, was Gott schon immer mit ihnen vorhatte.“

Schwarz drückt mit seinen Worten aus, was Paulus im Epheserbrief als Konzept eines vitalen „Christus-Leibes“ beschreibt: Jeder einzelne von uns ist in Gottes Augen ein „Meisterstück, erschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen“ (Eph 2,10). Dabei ist jeder von uns anders, unterschiedlich begabt und dadurch zu entsprechenden Aufgaben befähigt. Paulus versteht diese Vielfalt als Gottes Geschenk an uns Menschen (Eph 4,8). Christus selbst führt in den verschiedenen Gaben und Diensten seinen Dienst weiter: „Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus“ (Eph 4,11-12). Wenn die einzelnen Organe bei aller Vielfalt dennoch „zusammengefügt und verbunden“ sind und „einander Handreichung tun“, gelingt ein gesundes „Wachstum des Leibes“. Christus selbst nimmt Gestalt an in seinem Leib, der christlichen Gemeinde auf Erden (Eph 4,16).

Jüngerschaft: gezielt in Menschen investieren

Jesus hat sich eine Vielzahl von Hirten gewünscht. Er hat Simon Petrus über einen langen Zeitraum geschult und ihm schließlich den Hirtenstab übergeben (vgl. Joh 21,15-17). Er hat seine Jünger aufgefordert, um mehr „Arbeiter in der Ernte“ zu beten (Mt 9,36-39). So lange wir in unseren Gemeindestrukturen auf pastorale Versorgung durch die Amtsträger setzen, werden wir keine Vervielfältigung von geistlichem Leben sehen. Das über Jahrhunderte gewachsene „Parochial-Prinzip“ stößt in absehbarer Zeit aus mehreren Gründen an seine Grenzen: Die Flächen werden immer größer – im ländlichen Raum sind das teilweise mehr als 20 Dörfer; Gemeinden werden auch in den Städten zusammengelegt – und oft ist man sich fremd; Mitarbeiter verteilen ihre Arbeit auf mehrere Standorte – es kommt zur Zerreißprobe für die Hauptamtlichen. Zusätzlich gehen die Landeskirchen auf gravierenden Pfarrermangel zu. Schließlich macht der Blick auf die demografische Entwicklung und die schwindende Kirchenmitgliedschaft nachdenklich: „Kirche – das ist der Pfarrer vor Ort“ lässt sich im 21. Jahrhundert aus strukturellen und finanziellen Gründen nicht mehr durchhalten. Hier ist ein entschlossenes Umsteuern nötig!

Zuerst sollte das Pfarramt von der unerfüllbaren Aufgabe einer umfassenden „pastoralen Versorgung“ befreit werden. Als leitender Theologe sollte er/sie die begabten Laien fördern, in ihrem Ehrenamt ermutigen und gezielt mit passenden Aufgabenbereichen betrauen. Der Abschied von der Rolle, „Mädchen für alles“ zu sein, das Umschalten „vom Macher zum Mentor“ sollte Merkmal aller Hauptamtlichen in unseren Gemeinden sein. Hier nochmals ein Hinweis auf unser evangelisches Erbe: Die Barmer Theologische Erklärung formulierte 1934 wegweisend: „Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen“, vielmehr geht es um „die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes“ (These 4). Nach mehr als 80 Jahren ist auch dieser Leitsatz unverändert aktuell!

Gemeinden, die sich dem Sendungsbefehl ihres Herrn unterstellen, werden gezielt in nachhaltige Mitarbeiterentwicklung investieren. Aus geistlichen und missiologischen Gründen werden sie sich von dem Ideal verabschieden: „Wir bieten möglichst allen etwas und sorgen dafür, dass alle zufrieden sind.“ Durch solche unerfüllbaren Ansprüche werden Menschen verwöhnt, Enttäuschungen vorprogrammiert und Erschöpfung der Haupt- und Ehrenamtlichen gefördert. Wenn wir dem Auftrag Jesu folgen: „Macht die Menschen zu meinem Jüngern“, muss die Begleitung Einzelner auf ihrem Glaubensweg und die Förderung ihrer geistlichen Reife im Zentrum stehen. Wenn Gemeinde nachhaltig wachsen und sich geistliches Leben fortpflanzen soll, können wir uns nicht mit bloßer „Mitgliedschaft“ begnügen. Aber auch der Schritt in die aktive „Mitarbeit“ kann zu einer zwar verlockenden, jedoch nicht zielführenden Abkürzung werden. Denn solange Menschen ihre Lebenswurzel nicht in der Liebe Gottes gefunden haben und Christus in ihren Herzen wohnt (vgl. Eph 3,17), werden sie sich in der Gemeinde immer über ihr „Tun“ definieren. Gemeinde gewinnt aber Zukunft durch Menschen, die überzeugt sind: „Christus lebt in mir“. Sie werden, durch Gottes Liebe motiviert, anderen dienen (Gal 2,20; 5,6.)! Aus diesen Grundgedanken des Neuen Testaments ergeben sich neue Prioritäten für die Gemeindeentwicklung:

  • Menschen entdecken ihre Gaben und wollen diese zum Dienst und zum „Wachstum des Leibes“ einsetzen. In einem Geist gegenseitiger Unterstützung werden sie integriert und es werden neue Ressourcen frei. Gemeinde entwickelt sich so zu einem „gemeinnützigen Unternehmen“, bei dem die Mitarbeit erfüllend ist und vertiefte Beziehungen entstehen.
  • Wer ein Amt übernommen hat, achtet darauf, nicht möglichst viel allein zu machen, sondern investiert gezielt in Teambildung und Mitarbeiterentwicklung. Nicht „Macher“ bringen eine Gemeinde langfristig voran, sondern „Förderer“. Alles ist langfristig auf Stabübergabe angelegt – wie in einem „Familien-Unternehmen“ bei der Generationenfolge.

Charisma und Charakter – so gewinnt Christus Gestalt

Welche Rolle spielt „Vollmacht“ bei all dem? Sicherlich ist Vollmacht objektiv schwer messbar. Und woran will man den Erfolg von „Bevollmächtigung“ ablesen? Am subjektiven Gefühl der Einzelnen? Oder doch an der Arbeitsleistung, der Anerkennung oder gar Bewunderung durch andere Menschen? Wenn ich an die vielen Jahre in der aktiven Gemeindearbeit denke, fallen mir drei Aspekte ein, an denen ich erkennen konnte, wie Menschen an Vollmacht zunehmen:

  1. Sie erfahren die Kraft des Heiligen Geistes
  2. Sie entdecken die Gaben des Geistes
  3. Sie entwickeln die Frucht des Geistes

1. Die Erfahrung der Kraft des Geistes

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen … und ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1,8). Es begeistert mich jedes Mal neu, wenn Menschen sich trauen, laut zu beten, für andere zu beten, ihnen dabei die Hände segnend aufzulegen, sie liebevoll in den Arm zu nehmen. Ich denke an „Heilig-Geist-Wochenenden“, an Segnungsangebote im Gottesdienst und die vielen kleinen Gruppen, in denen wir für Kranke beteten oder Weisung von Gott suchten. Hier sind „Amtsträger“ und „Laien“ auf einer Ebene. Hier wachsen Menschen über sich selbst hinaus, weil sie erleben: Gott stellt sich zu jedem von uns. Er befähigt zum Dienst aneinander. „Die Kraft des Heiligen Geistes“ ist real – nicht nur in den schönen Zeilen unserer alten Choräle. „O komm, du Geist der Wahrheit …“ Wo dies erwartungsvoll gebetet wird, etwa vor unseren Gottesdiensten, wird seine Kraft immer wieder erfahrbar. Aber auch in den vielen Alltagssituationen, wo Mut und Aufrichtigkeit gefragt sind oder wo unser Glaubenszeugnis weiterhelfen könnte, lässt uns seine Kraft über den eigenen Schatten springen. Bevollmächtigung geschieht überall dort, wo wir dem Geist Gottes in uns und in anderen Menschen etwas zutrauen.

2. Die Entdeckung der Gaben des Geistes

„Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“ (1 Petr 4,10) Seit Pfingsten kooperiert der Heilige Geist mit der Gemeinde durch eine Vielfalt von Gaben (Charismen). Diese zu entdecken – bei sich und bei anderen – ist eine spannende Erfahrung. Besonders bei unseren Glaubenskursen, gemeinsam „im Einsatz“, zeigte sich sehr schön die unterschiedliche Begabung der Einzelnen: vom Einkaufen, Kochen, Dekorieren, über das Organisieren, Musizieren und Moderieren bis zum Zuhören und Referieren – großartig! Mir stand immer das Bild vom großen, gemeinsam gezogenen Fischernetz vor Augen (vgl. Lk 5,6-7). So sollte Gemeinde sein, nicht wie ein Grüppchen einsamer Angler am See. Manches ist natürliche Begabung – die sollte man zur Ehre Gottes einsetzen. Anderes ist von Gott geschenktes Charisma – überraschend und übernatürlich. Gottes Geist bevollmächtigt, indem er uns beschenkt und offenbar gerne unsere natürlichen Grenzen sprengt.

3. Die Entwicklung der Frucht des Geistes

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ (2 Tim 1,7). Vollmacht drückt sich nicht nur im Einsatz von Charismen aus, sondern auch in der Entwicklung unseres Charakters. Beides gehört zusammen, und nur im Miteinander von „Frucht und Gaben“ des Heiligen Geistes kommen wir gut voran. Im ersten Korintherbrief rückt Paulus die Liebe ins Zentrum, die bei aller charismatischen Praxis den charakterlichen Unterbau bilden muss (1 Kor 12-14). Liebe ist der Oberbegriff für die „Frucht des Geistes“, bei der es letztlich um die Wesenszüge Christi geht. Dass er selbst „in euch Gestalt gewinnt“, war die große Sehnsucht des Paulus (Gal 5,22; 4,19).

Immer wieder durfte ich in unserer Gemeinde erleben, wie sich über Wochen der Gesichtsausdruck von Menschen veränderte. Neue Hoffnung und die neue Ausrichtung auf Christus veränderte sie von innen heraus. Die Geschichten von Menschen, die – manchmal inmitten schwieriger Lebensumstände – ein neues Verhalten einüben, sind für mich die größte Ermutigung. Vertrauen, Vergebungsbereitschaft, Furchtlosigkeit, Zuversicht – all das haben wir nicht von uns aus. Doch Gottes Geist möchte es in uns bewirken. Dem Raum zu geben, ist Aufgabe der Gemeindearbeit.

Bevollmächtigung ist möglich! Wenn Gemeinden dieses Geheimnis entdecken, wenn die Verantwortlichen ihr Amt im Sinne „bevollmächtigender Leitung“ ausüben, beginnt sich geistliches Leben zu multiplizieren. Solche Gemeinden gewinnen nachhaltigen Einfluss auf ihre Umgebung.

Dieser Artikel erschien zuerst in: Evangelisch 500+ (GGE Verlag 2017)

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