Wenn Kirche nach Hause kommt

Gemeindeaufbau durch lebendige Kleingruppen von Swen Schönheit

Am Stichwort „Hauskreise“ scheiden sich die Geister. Während die einen in „ihrem“ Hauskreis ein geistliches Zuhause gefunden haben und Gemeinde dort als Familie erleben, halten andere solche Gebilde für überflüssig oder gar schädlich. In einer meiner ersten Gemeinden, wo ich als Pfarrer befristet tätig war, meinte der ältere Kollege: „Ich habe mich bewusst auf keine der Gemeindekreise festgelegt, weil ich für alle da sein und gegenüber allen offen bleiben möchte.“ Einem Hauskreis angehören, ihn gar leiten oder leiten lassen – das ist für viele Pfarrer undenkbar. Oftmals stehen ausgerechnet Gemeindeleiter den Hauskreisen ausgesprochen skeptisch gegenüber, weil sie dort ein Sammelbecken der „Superfrommen“ vermuten. Bibelkundige Laien könnten sich ja verselbständigen und autonome Gruppen entwickeln … Doch worum geht es eigentlich bei Hauskreisen: um religiöse Sondergruppen oder um Kirche in der kleinsten Einheit?

Kurse und Kreise – nur so kommen wir weiter

Einige Glaubenskurse haben die Auseinandersetzung mit den Themen im Rahmen einer Gesprächsgruppe vorgesehen. Plenum und Kleingruppe gehören zum Programm an allen Abenden. Während wir in unserer Kirchengemeinde über ein Jahrzehnt „Alpha-Kurse“ angeboten haben, sind hunderte von Menschen durch die Erfahrung einer Kleingruppe gegangen. „Jeder Frage ist erlaubt! Jeder darf seine Meinung äußern! Keiner muss sich verstellen!“ So lernten wir, einladende Gemeinde zu sein und versuchten, unsere Gruppenleiter zu guten Moderatoren auszubilden. Am Ende eines Kurses war es oft wenigstens ein Drittel der Teilnehmer, die sich fragten: „Und wie geht es jetzt weiter?“ Die Gemeinschaft in der Kleingruppe wollten sie nicht mehr missen. Also boten wir ihnen Aufbaukurse an oder die Teilnahme an Hauskreisen. Diese wiederum wissen: Der nächste Kurs kommt bestimmt – und dann werden neue Leute auf der Bildfläche erscheinen. Wir können auf Dauer nicht unter uns bleiben! Wenn Gemeinden wirklich wachsen wollen, brauchen sie beides:

  • Kontinuierliche Kursangebote: ein niederschwelliger Einstieg in Grundfragen des Glaubens
  • Kleingruppen als Teil einer Gemeinde: geschützte Räume zur Vertiefung der Gottesbeziehung

Kreise, die auf Dauer um sich selbst kreisen, werden zum Karussell. Sie kommen nicht vorwärts, werden irgendwann zum Selbstzweck und ersticken an ihrer eigenen Selbstgenügsamkeit. Diese Form von „Kirche im Kleinen“ kann keinem Pastor auf Dauer gefallen! Andererseits müssen Kurse (von lateinisch cursus: „der Lauf“) irgendwo hinführen. Bloße Angebote bauen auf Dauer keine Gemeinde. Jesus hatte eine Gemeinschaft von Menschen vor Augen, die durch ihn den himmlischen Vater kennenlernen und sich mit neuen Brüdern und Schwestern wie eine Familie zusammentun würden. „Durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater“, beschreibt Paulus dieses Geheimnis und markiert zugleich das Wesen von Gemeindeaufbau: „Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2,18.22). In einer Zeit, da die Institutionen an Einfluss verlieren und Kirche als „Marktführer“ für religiöse Tradition in der Krise gerät, brauchen wir dringend eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Idee von „Kirche“. „Denn wo zwei oder drei im Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20). So einfach! Als Jesus von der Ekklesia sprach, die auf Erden entstehen sollte, meinte er weniger „Kirche“ im institutionellen Sinn, vielmehr eine lebendige „Versammlung“, in der Er selbst gegenwärtig ist (Mt 16,18). Im Neuen Testament wird mit „Kirche/Gemeinde“ niemals ein Gebäude bezeichnet, sondern Gottes Volk: die Gemeinschaft der Glaubenden mit Jesus Christus im Zentrum Mitte. Kirche: zuerst ein Organismus – nur deshalb auch Organisation (vgl. 1 Kor 12,12.27; 1 Petr 2,5.9)!

Kirche im Kleinformat neu entdecken

Hauskreise (vielleicht gibt es ja bessere Worte dafür) bieten die großartige Chance, Kirche im ursprünglichen neu zu erleben, ja neu durchzubuchstabieren. Die kleine Gruppe bei mir zuhause wird zur Urerfahrung: Gott ist in unserer Mitte. Gott kommt und schweigt nicht. Gott beschenkt uns mit seinen Gaben und durch die Gemeinschaft mit anderen Glaubenden (vgl. Ps 46,6; 50,3; 133,1-3). Ich muss nicht erst „in die Kirche gehen“, um Kirche erfahren zu können. Kirche ist bei mir zuhause – und sie kann sich über das natürliche Netzwerk meiner Beziehungen weiter ausbreiten. Damit wird ein über Jahrhunderte in unseren Köpfen geprägtes Denkmuster durchbrochen: „Wie kriegen wir nur die Leute in die Kirche?“ Hier ist Kirche dort, wo die Menschen sind! Kirche wird nicht primär veranstaltet und durch Glockengeläut vermeldet, sie geschieht auf persönlicher, privater, sozialer Ebene. Insofern sollten wir uns nicht nur auf „Hauskreise“ fixieren, sondern Kleingruppen auf unterschiedlichsten Ebenen fördern: unter Schülern, Kommilitonen und Kollegen, unter Nachbarn und Sportsfreunden, in Firmen, Behörden, Heimen usw. Auch Zielgruppen orientiere Angebote wie Selbsthilfe- und Betroffenengruppen gehören zu diesem Thema. „Wir werden unsere Vorstellungen einer ‚Buntglas-Kirche’ verwerfen müssen. Wir können uns nicht länger erlauben, Kirche als ein Gebäude zu sehen. Wir müssen anfangen, Kirche als Menschen zu sehen.“ (Bob Fitts)1

Jesus: Botschafter von Haus zu Haus

Als Jesus sich aufmachte, das anbrechende Reich Gottes zu verkündigen, sprach er nicht nur in den jüdischen Gottesdiensten. In den Evangelien sehen wir ihn immer wieder in Häusern, wo man ihn beherbergte oder wo er sich selbst als Gast eingeladen hatte. Ausgerechtet im privaten Rahmen begriffen Menschen Gottes Botschaft, empfingen Vergebung und erlebten körperliche Heilung (Lk 7,44-50; 14,1-6; 19,5-9). Jesus konnte offenbar beim gemütlichen Abendessen nachhaltiger Wahrheit vermitteln als beim Synagogenbesuch, der oftmals mit Konflikten endete (Lk 10,38-39; 13,10-17). In einem Privathaus fand das letzte Abendmahl statt und dort begegnete Jesus seinen Jüngern nach der Auferstehung (Lk 22,14-32; 24,30-49). In einem Privathaus erfasste der Heilige Geist die ersten Jünger und brachte sozusagen die Kirche zur Welt (Apg 1,12-24; 2,1-2). Und dorthin kehrt sie in unseren Tagen zurück!

Die ersten Christen: Wachstum auf zwei Standbeinen

Für die ersten Christen in Jerusalem war es selbstverständlich, dass sie weiterhin im Tempel anbeteten (zugleich größter Versammlungsplatz der Stadt). Dennoch verdeutlicht die Apostelgeschichte von Anfang an eine Art Doppelstrategie an, die sich später auch in anderen Kulturen durchsetzen konnte:

„Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. … Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot … Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt“ (Apg 2,44-47).

Der Christenverfolger Saulus musste später von Haus zu Haus ziehen, um die einzelnen Gläubigen aufzuspüren. Dort trafen sie sich zum Gebet und feierten Gottesdienste, öffneten ihre Herzen und ihre Portemonnaies (Apg 8,3; 12,12; 20,20). „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“, heißt sozusagen die Kurzformel ihrer gemeinsamen geistlichen Ausrichtung (Apg 2,42). Durch ihre Familienstruktur war die frühe Christenheit

  • eine Laienbewegung und damit eine Beteiligungskirche (vgl. 1 Kor 14,26)
  • finanziell unabhängig und ein Modell für sozialen Ausgleich (vgl. Apg 4,32-37)
  • beziehungsorientiert und durch persönliche Beziehungen effektiv bei der Evangelisation
    (vgl. Apg 16,14-15.31-34)
  • besser geschützt vor Verfolgung und Repressalien als eine starre Organisation
Swen Schönheit, Barnabas.Berlin

Ein ausgewogenes Programm anbieten

Die meisten Gottesdienste in landes- oder freikirchlichen Gemeinden laufen traditionell „programmorientiert“, teilweise auch liturgisch festgelegt. Folglich sind Gemeindeglieder oft unsicher, wenn sie nun geistliches Leben selbstständig gestalten und eigene Ausdrucksformen finden sollen. Hauskreise sind dazu das ideale Übungsfeld, sollten allerdings durch ein gutes Angebot zur Fortbildung begleitet werden. Noch einmal: Der Hauskreis ist weder ein „Anhang zum Gottesdienst“ (etwa als Predigtnachgespräch) noch sollte er zur „oppositionelle Gruppe“ werden, wo man alles anders macht. Für das Neue Testament sind die Versammlungen „im Haus des/der …“ ebenso vollwertige „Kirche“ (Ekklesia) wie das, was wir heute „Ortsgemeinde“, „Landeskirche“ oder „Freikirche“ nennen würden (vgl. Röm 16,3-5; 1 Kor 16,1.15.19; Kol 4,15; Phm 2)! Wir üben in unseren Hauskreisen also „Kirche im Kleinformat“ bzw. „Kirche zuhause“ ein. Dazu braucht es kein vorgegebenes Programm oder eine besondere „Hauskreis-Liturgie“. Wir sollten jedoch bestimmte biblische Werte im Auge behalten, die sich möglichst in allen Treffen widerspiegeln.

Abgeleitet vom Bericht aus Apostelgeschichte 2 lassen sich vier Segmente beschreiben, die wir in Form von – sicherlich unterschiedlich großen – „Bausteinen“ in den Ablauf unserer Treffen einfügen können:

  1. Gemeinschaft (griechisch koinonia: geteiltes Leben): Austausch, offene und ehrliche Beziehungen, gemeinsames Essen und Feiern …
  2. Gottes Wort: Bibelarbeit zu Texten oder Themen, vielleicht auch Gespräche über die letzte Predigt, über Bücher oder Artikel aus Zeitschriften …
  3. Gebete (Apg 2,42 im Plural): verschiedene Formen von Gebet wie Psalmenmeditationen, Dank und Lobpreis, Bitte und Fürbitte sowie gegenseitiges Segnen …
  4. Gaben/Geben: womit wir selbst beschenkt und begabt sind und anderen dienen können: Zeit zum Zuhören, Aufgaben (den eigenen Gaben entsprechend), praktische Hilfe, finanzielle Unterstützung …
Swen Schönheit, Barnabas.Berlin

Ein ausgewogenes Programm anbieten

Die meisten Gottesdienste in landes- oder freikirchlichen Gemeinden laufen traditionell „programmorientiert“, teilweise auch liturgisch festgelegt. Folglich sind Gemeindeglieder oft unsicher, wenn sie nun geistliches Leben selbstständig gestalten und eigene Ausdrucksformen finden sollen. Hauskreise sind dazu das ideale Übungsfeld, sollten allerdings durch ein gutes Angebot zur Fortbildung begleitet werden. Noch einmal: Der Hauskreis ist weder ein „Anhang zum Gottesdienst“ (etwa als Predigtnachgespräch) noch sollte er zur „oppositionelle Gruppe“ werden, wo man alles anders macht. Für das Neue Testament sind die Versammlungen „im Haus des/der …“ ebenso vollwertige „Kirche“ (Ekklesia) wie das, was wir heute „Ortsgemeinde“, „Landeskirche“ oder „Freikirche“ nennen würden (vgl. Röm 16,3-5; 1 Kor 16,1.15.19; Kol 4,15; Phm 2)! Wir üben in unseren Hauskreisen also „Kirche im Kleinformat“ bzw. „Kirche zuhause“ ein. Dazu braucht es kein vorgegebenes Programm oder eine besondere „Hauskreis-Liturgie“. Wir sollten jedoch bestimmte biblische Werte im Auge behalten, die sich möglichst in allen Treffen widerspiegeln.

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