Geben wir Jesus seine Gemeinde zurück!

Auszüge aus einer Predigt zu Matthäus 16,13-19

von Swen Schönheit (Berlin)

Wozu ist Kirche da? Lebt sie noch im Bewusstsein ihrer ursprünglichen Berufung? Oder geht immer mehr verloren, wozu Jesus sie ins Leben gerufen hat? In einer Zeit, in der sich Kirche gesellschaftlich auf dem Rückzug befindet, wo Rückbau angesagt ist. Wo man das Gefühl hat, Kirche ist zunehmend mit sich selbst beschäftigt. Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „meiner“, von „unserer“ Gemeinde sprechen? Wem gehört die Gemeinde? Leben wir vielleicht gerade in einer Zeit, in der Jesus seiner Kirche neu zurufen möchte: Bitte gebt mir meine Gemeinde zurück! Werden wir ihm Gehör schenken?

In dem Text aus dem Matthäus-Evangelium stecken zwei zentrale Aussagen: Zunächst bekennt Petrus „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“, dann folgt der Auftrag Jesu: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich bauen meine Gemeinde.“ Jesus gibt hier eine Art „Mission Statement“, um auszudrücken, was ihm für die Kirche wichtig ist. Er spricht von einer Art Bauprojekt. Wobei sehr klar ist, dass er der Auftraggeber, der Bauherr und auch der Eigentümer dieses Bauprojekts ist. Es ist ein Text, an dem wir nicht vorbeikommen, wenn es um den ursprünglichen Auftrag der Kirche geht.

„Bauprojekt“ Gemeinde:
Jesus ist Auftraggeber, Bauherr und Eigentümer

Eine erste Beobachtung: Jesus hat wenig über Kirche und Gemeinde gesprochen. Das griechische Wort für Kirche heißt Ekklesia. Man kann es je nach theologischer Prägung mit Kirche, Gemeinde oder Versammlung übersetzen. Tatsächlich ist dieses Wort nach dem Zeugnis der Evangelien von Jesus nur zweimal überliefert worden. Hier bei Matthäus im 16. Kapitel, wo er zu Petrus sagt: „Ich will meine Ekklesia bauen.“ Und dann im 18. Kapitel, wo es um den Umgang mit Fehlverhalten geht. Da sagt Jesus: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, geh hin und weise ihn unter vier Augen zurecht. Und wenn er dann nicht auf dich hört, sage es der Ekklesia, der Gemeinde.“ Die Versammlung wird einfach vorausgesetzt, nur zweimal verwendet Jesus dieses Wort explizit. Doch kreis unser Denken nicht ständig um „Gemeinde“? Sollte uns dieser Befund aufhorchen lassen? War die Gemeinde für Jesus kein Thema?

Bei Jesus finden wir jedoch ein anderes Wort, das rund hundert Mal in den vier Evangelien auftaucht: das Wort Basilea, die Königsherrschaft Gottes. Darum kreisen seine Gleichnisse. Jesus versucht den Menschen die anbrechende Gottesherrschaft vor Augen zu malen. Sie ist sein Lebensthema! Stimmt es, was ein französischer Theologe so ausgedrückt hat: „Jesus verkündete das Reich Gottes, gekommen ist die Kirche“, oder ist dieser Gegensatz künstlich? Ist es vielleicht geradezu eine Versuchung in dieser Zeit, wo die Struktur der Kirche zerbröselt, zu sagen: Na endlich werden wir diese Großorganisation los? Nochmals: Warum hat Jesus so wenig über Kirche gelehrt? Ich glaube, es gibt einige schlichte Antworten, die uns zum Wesen dessen führen, was Jesus gemeint hat, als er sagte: „Ich will meine Ecclesia bauen.“

Eine erste Einsicht: Es gab bereits ein Volk, nämlich Israel, das Volk Gottes. Jesus war Jude, Jesus wurde in dieses Volk hineingeboren, er kam als der jüdische Messias. Von Kindesbeinen an war er vertraut mit den heiligen Schriften Israels. Und er hatte auch nicht vor, Israel durch die Kirche zu ersetzen. Das war ein Missverständnis, das mit einer unheilvollen Geschichte verbunden ist. In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (der „Septuaginta“) wird, wenn von der Gemeinde die Rede ist, ein Wort verwendet, das wir mit „Zusammenkommen“ übersetzen können. So betet David zum Beispiel in Psalm 22: „Ich will deinen Namen meinen Brüdern kundtun inmitten der Versammlung, dich loben in der Gemeinde.“ Das Zusammenkommen des Gottesvolkes ist das große Ziel Jesu, das er bis heute nicht aufgegeben hat. Was wir Kirche nennen, ist eigentlich dieses neue Volk Gottes aus Juden und Nationen, die zusammen den Messias Jesus anbeten.

Gemeinde Jesu ist ohne die Wurzel Israel nicht denkbar

Ich glaube, wenn Gottes Geist uns zur ursprünglichen Genetik von Kirche zurückrufen will, heißt die erste Einsicht: Kirche ist nicht mehr denkbar ohne Israel. Sonst sind wir als Kirche wurzellos, weil wir den alten Bund losgeworden sind. Aber wir sollten die Bibel immer als Einheit lesen.

Dazu gehört auch die Einsicht, dass Gottes Geist uns in dieser Zeit zurückruft – in die Wüste, um es pointiert zu sagen. Wir sind zuerst sein Volk, ein Volk, das auf Wanderschaft ist. Wir haben uns nur so sehr an die stattlichen Gebäude gewöhnt, aber das verführt und behindert uns womöglich auf der Wanderung durch die Zeit.

Eine weitere Beobachtung: Ekklesia ist auch ein säkularer Begriff. Im griechisch-römischen Stadtstaat gab es die Versammlung der wahlberechtigten Bürger, die über das Wohl und Wehe der Stadt entschieden. Jesus sagte nun nicht: Ich werde meine Synagoge bauen, im Sinn eines Gegenmodells zu seiner jüdischen Umwelt. Wir gehören also nicht in die fromme Blase, sondern an die Schnittstelle zur Welt. Schließlich sagt Jesus: „Ihr seid das Salz der Erde.“ Salz bewahrt, Salz heilt. Und: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Matthäus 5). Licht gibt Orientierung, Licht gibt Hoffnung im Dunkeln, Licht bietet Heimat.

Wie werden wir als Gemeinde wahrgenommen?

Es wäre doch einmal eine spannende Frage: Wie werden wir als Gemeinde von den Menschen draußen wahrgenommen? Welche Kirche braucht eigentlich der Ort, an den wir gestellt sind? Ein Mentalitätswechsel ist angesagt, sodass nicht länger gilt: Hauptsache, meine schöne Gemeinde überlebt. Vielmehr gilt: Gott hat diese Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn in sie sandte, so sehr, dass Jesus sein Leben für sie gab. Was bedeutet das für unseren Stadtteil? Für wen sind wir da: Nur für unsere „Stammkunden“ oder für unsere Nachbarn und unser Quartier?

Jesus ist der Urheber der Kirche. Er hat sie gegründet mit einem größeren Horizont, nämlich der anbrechenden Königsherrschaft Gottes. Er gab uns einen ersten Vorgeschmack auf die kommende neue Welt. Es soll fühlbar werden, wie gut unser Gott ist. Gemeinde ist nie das Ende der Wege Gottes, sondern eher ein Vehikel, ein bisschen wie der Kinderwagen. Nicht der Kinderwagen ist das Entscheidende, sondern das Baby drin, das immer mehr heranwächst. Gemeinde ist ein Trainingsfeld für neues Leben, für einen neuen Umgang miteinander, für die Schärfung unserer Perspektive, damit wir ein Teil der großen Bewegung Gottes hin zu den Menschen werden, teilhaben an der Ausbreitung seiner guten Herrschaft. Wir beten doch nicht: Herr, meine Gemeinde komme. Sondern: „Dein Reich komme! Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden!“

Gemeinde beginnt mit dem Hören auf Gottes Wort

Lassen Sie uns in diesem Horizont der kommenden Königsherrschaft Gottes noch mal den Text genauer anschauen und ein paar Konsequenzen ziehen. Jesus redet mit Simon Petrus. Der bürgerliche Name Simon bedeutet so viel wie „der Hörende“. Simon hatte gut hingehört, auf das, was die Menschen über Jesus sagten, vor allem auf das, was der Heilige Geist ihm über Jesus gezeigt hatte: „Du bist Christus, der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Ekklesia beginnt immer dort, wo die Gottesliebe ein Menschenherz trifft und es Jesus erkennt. Das ist der Kern dessen, was Gemeinde ausmacht. Menschen finden durch Jesus den lebendigen Gott.

Und dann kommt die Antwort, wenn Jesus sagt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.“ Ich glaube, es geht hier nicht um den Menschen Petrus, sondern um eine bestimmte Qualität. So lesen wir im 1. Petrusbrief, dass die Gemeinde als geistliches Haus beschrieben wird, ein Haus gebaut aus lebendigen Steinen (1 Petrus 5). Das heißt: Gottes Baumaterial – das bist Du und das bin ich. Das sind wir, wenn wir uns Gott zur Verfügung stellen. Gemeinde wird nicht zuerst gebaut durch Strukturen, durch Pläne, nicht allein durch Hauptamtliche, sondern durch die vielen, die sich Gott zur Verfügung stellen.

Wir müssen das tief verinnerlichen: Die Gemeinde gehört uns nicht, sie ist sein Eigentum und gebaut auf seine „Rechnung“. Er hat den Preis bezahlt am Kreuz, und er will in diesem geistlichen Haus wohnen. Paulus drückt das so aus: „Wisst ihr nicht, dass Ihr Gottes Tempel seid?“ (1 Korinther 3). Wir vergessen das tatsächlich sehr schnell. Ich sag es mal auf Berlinerisch: Wir latschen rein in die Gemeinde, mit unseren Ansprüchen, unseren Bedürfnissen, vielleicht auch unseren Vorurteilen und sagen: Hauptsache, ich fühle mich wohl heute Morgen! Doch Stopp: Die Ekklesia ist Sein Eigentum! Und Jesus wartet darauf, dass wir ihm seine Gemeinde immer wieder bewusst zur Verfügung stellen.

Ein weiterer Gedanke: Jesus sagt, dass „die Pforten des Totenreichs (Luther übersetzt hier mit Hölle) die Gemeinde nicht überwältigen“ werden. Ich bin seit kurzem im Ruhestand und kann auf vierzig Jahre im geistlichen Dienst zurückschauen. Und ich kann durch viele Erfahrungen, im Kleinen wie im Großen, ob mit Höhen oder Tiefen, wirklich sagen: Wenn wir beginnen, Gemeinde zu bauen im Namen des Herrn, in der Kraft des Heiligen Geistes, dann wird die Gegenseite wachgekitzelt. Gemeindeaufbau ist ein Angriff auf die Welt der Finsternis. Satan fährt seine Aktivitäten hoch, und die können durchaus subtil sein. Sie gehen manchmal durch die Herzen und manchmal ins eigene Haus. Deshalb erinnert uns Paulus daran: „Ihr kämpft nicht mit Fleisch und Blut“; unser Kampf richtet sich gegen die Mächte der Finsternis (Epheser 6).

Ich habe in diesen vierzig Jahren ganz Unterschiedliches erlebt. Ich durfte erleben, wie neues Leben aufgebrochen ist. Entscheidend dabei ist nicht, dass wir an Traditionen festhalten, so wertvoll diese sein mögen. Entscheidend ist: Wenn Menschen nicht durch die Vertikale berührt werden, wenn sie Christus nicht kennenlernen, dann wirbt man sie vergeblich für die Kirche. Aber wo Meschen in ihren Herzen berührt werden, da verbinden sie sich untereinander. Da wächst aus dem Zusammenkommen von Brüdern und Schwestern eine Gemeinde mit Ausstrahlungskraft, die weit über den Wohnbezirk hinausreicht. Ja, das ist Realität, das passiert überall im Land!

Ich habe aber auch erlebt, wie Gemeinde nicht aus ihrer Haut rauskommt, wo man unter sich bleibt. Man hat keine Idee, wie das Evangelium unter die Leute kommt, wie die Gemeinde Jesus ins soziale Umfeld bringen könnte. Es ist so ein bisschen wie bei der berühmten Silvester-Geschichte „Dinner for One“: Das Programm läuft zyklisch, auch das Kirchenjahr verführt ein bisschen zu dieser Haltung. Im Grunde will man keine grundlegende Veränderung.

Nichts schwächt derzeit mehr als der Mangel an Vision

Nun aber macht sich überall im Land eine dumpfe Ahnung breit: Kirche in ihrer traditionellen Form wird zum Auslaufmodell. Das macht Angst, das lähmt. Manche fangen an zu klammern – psychologisch durchaus verständlich. Ich kann das bisher Vertraute doch nur loslassen, wenn ich ein Bild von der Zukunft habe, das mich lockt. Ein Bild davon, wie Gemeinde im 21. Jahrhundert aussehen kann. Ich glaube, was unsere Landeskirchen am meisten schwächt, ist nicht der Abbau von Stellen, nicht der Verlust an Gebäuden, nicht der drohende Einbruch bei den Finanzen, sondern es ist der Mangel einer Vision.

In den Sprüchen, Kap. 29 heißt es (übersetzt nach Roland Werner): „Wo keine Offenbarung von Gott ist, verlottert das Volk.“ Jesus war ein Mann der Vision. Ich glaube, Jesus hat auch heute jede Menge Vision für diese Kirche, auch über den Ist-Zustand hinaus. Gott mutet seiner Kirche im Moment eine Art Teststrecke zu, eine Art Rütteltest. Ohne das hier groß ausführen zu wollen: Ich glaube, den Rütteltest während der Corona-Pandemie haben wir nicht gut bestanden: Wenn Kirche definiert wird als Gebäude plus Glockengeläut plus offene Tür am Sonntag um zehn, und dann fällt genau das aus! Jetzt können wir uns vor diesem Totalausfall reiben noch die Augen, weil wir nicht eingeübt hatten, wie das ist, wenn sich „zwei oder drei in seinem Namen“ versammeln. Weil wir nicht eingeübt haben, dass auch Laien das Heilige Abendmahl austeilen und vieles andere mehr. Wir müssen eben wieder neu lernen, dass Ekklesia nicht zuerst ein Gebäude ist, sondern die Versammlung des lebendigen Leibes von Jesus Christus. Werden wir den nächsten Testlauf bestehen? Und nutzen wir die Zeit, Kirche neu zu denken?

Gemeinde hat jede Menge Zukunft, wenn sie mit dem lebendigen Christus in ihrer Mitte rechnet

„Die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Irgendwie hat man den Eindruck, dass genau das gerade passiert. Kirche ist auf dem Rückzug. Sie kapituliert vor Sachzwängen, vor dem Zeitgeist. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Gemeinde, die Jesus gegründet hat, jede Menge Zukunft hat. Und zwar dann, wenn sie – wirtschaftlich gesprochen – zu ihrem „Markenkern“ zurückkehrt. Diese unvergleichliche Marke heißt Jesus Christus. Unnachahmlich. Unersetzbar. Die Gemeinde, die Ekklesia hat jede Menge Zukunft, wenn sie das Kreuz nicht entleert, wenn sie die Auferstehung nicht leugnet, wenn sie mit dem lebendigen Christus in ihrer Mitte rechnet und um den Heiligen Geist nicht länger einen großen Bogen macht. Sie hat Zukunft, wenn sie nicht Form und Inhalt verwechselt, das heißt, wenn sie treu gegenüber dem Evangelium ist, aber flexibel, ja erfinderisch in den Ausdrucksformen ihres Gemeindelebens und auch ihrer Gottesdienste. Ich habe manchmal den Eindruck, wir machen es umgekehrt: Wir führen Kulturkämpfe um die Formen und weichen die inhaltliche Mitte auf.

Gemeinde hat jede Menge Zukunft, wenn sie sich löst von der Fixierung auf das Pfarramt. Pfarrer und Pfarrerinnen sollen nicht die Macher für alles sein, sondern Ermöglicher und Förderer. Sie sollen die Augen offen halten für die vielen Menschen, die sich wie Petrus Gott zur Verfügung stellen. Durch sie baut er seine Gemeinde. Die Kirche der Zukunft stellt nicht Menschen ins Zentrum, sondern weiß, wem sie gehört. Die Kirche der Zukunft ist eine hörende Kirche. Sie diskutiert und organisiert. Sie hat aber bei all dem gelernt, in ihren Gruppen und Kreisen immer wieder die Pausentaste zu drücken und zu fragen und zu beten: Herr, was sagst Du uns, was sagst Du Deiner Gemeinde?

Die Kirche der Zukunft ist eine sich verschenkende Gemeinde. Sie kreist nicht um die eigenen Leute, als wären diese ihr Besitz. Sie bleibt nicht stehen bei der Frage, ob die „Besucher“ auch zufrieden sind. Sie aktiviert ihr Beziehungsnetz überall im Alltag, mitten in der Stadt. Sie baut Kirche außerhalb der Kirche. In all dem ist sie Christus-zentrierte Gemeinde. Jesus selbst ist die Mitte.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung der Predigt, die Pfarrer Swen Schönheit beim Christustag Bayern am 3. Oktober in der Paul-Gerhardt-Kirche in München gehalten hat.

Swen Schönheit war seit 1989 Pfarrer in Berlin-Reinickendorf bis zu seinem Ruhestand im Juni 2024. Er ist 1. Vorsitzender der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche (GGE-Deutschland).