Warum wir zu Israel stehen

von Swen Schönheit

Seit dem 7. Oktober bestimmt Israel die Schlagzeilen. Nach dem verheerenden Terrorangriff der Hamas haben führende Politiker 2023 unsere „uneingeschränkte Solidarität“ betont. Deutschlands Platz sei „fest an der Seite Israels“. Auch Kirchenvertreter erklärten sich damals öffentlich „solidarisch mit Euch, den Jüdinnen und Juden hier in Deutschland“. Doch wie hat sich die Stimmung in den letzten drei Jahren gedreht! Wer heute auf unseren Straßen Kippa trägt oder den Davidsstern zeigt, begibt sich in Gefahr. Die Zahl der antisemitischen Übergriffe hat sich seit 2022 verdreifacht! Boykottaufrufe gegen Israel und die Rede vom Genozid lassen Israel – wie so oft in der Geschichte – wieder einmal als Sündenbock dastehen. Rational erklären lässt sich dies nach dem schlimmsten Massaker an Juden seit dem Holocaust nicht!

„Wenn der HERR nicht für uns gewesen wäre – so soll Israel sprechen –, wenn der HERR nicht für uns gewesen wäre, als die Völker sich gegen uns erhoben, dann hätten sie uns lebendig verschlungen, so groß war ihr Hass auf uns“ (Psalm 124,1-3).

Dass wir jüdisches Leben in unserer Gesellschaft schützen, ist nicht nur eine Sache der Menschlichkeit. Und dass Deutsche in besonderer Weise zu Israel stehen, auch zum Staat und nicht nur abstrakt zum „Judentum“, versteht sich aufgrund unserer besonderen Geschichte von selbst. Doch es gibt mehr zu sagen, und das ist wichtig für Christen. Auch für solche, die sich nicht gerne mit der Israel-Fahne zeigen:

Christlicher Glaube hat eine jüdische Wurzel

Für Christen ist Israel nicht nur eine Nation unter vielen, vielmehr liegt hier der Ursprung unserer eigenen Glaubensgeschichte. Gott erwählt sich Israel als sein „besonderes Eigentum“, mit ihm schließt er den ersten Bund („Altes Testament“, 2 Mose 19,5-6). Die Heiligen Schriften Israels sind die Grundlage auch unseres Glaubens. Fast alle Autoren der Bibel waren Juden. Und Jesus wurde – so würden wir heute sagen – als Israeli geboren und verstand sich als Messias Israels. Vielen Christen ist nicht bewusst, wie sehr Kirche und Israel wesensmäßig zusammengehören. Wenn wir „Vater unser im Himmel“ beten, sprechen wir zum Gott Israels (vgl. Jes 63,16; 64,7).

Die jüdische Wurzel unseres Glaubens wurde jedoch im Laufe der Kirchengeschichte zunehmend von griechisch-römischer Kultur und später von der Aufklärung überfremdet. Wenn wir in wenigen Wochen Advent und bald darauf Weihnachten feiern, werden wir in unseren Lieder alt wieder einmal vertraute Stichworte hören: „Halleluja“, „O komm, Immanuel“ und „Hosianna, Davids Sohn“ – alles hebräische Begriffe! Doch haben Sie schon einmal eine Krippe gesehen, in der Maria und Josef als religiöse Juden dargestellt sind? Und wie abwegig erscheint es, wenn das Jesuskind in ein Palästinensertuch gehüllt wird!

Es ist schon merkwürdig, dass wir uns längst an einen „heidnischen“ Jesus gewöhnt haben und dies für die normale christliche Tradition halten! Unfassbar erscheint uns heute der Versuch der „Deutschen Christen“ zurzeit des Nationalsozialismus, Bibel und Gesangbuch von allem „Jüdischen“ zu reinigen. Dazu wurde eigens ein Institut in Eisenach gegründet, getragen von zahlreichen Landeskirchen. Ähnliche Versuche, „Israel“ aus der Bibel zu entfernen, haben sich in jüngster Zeit in Europa wiederholt! Doch hinter dem Antisemitismus (manchmal versteckt als „Antizionismus“) mit seinen immer neuen Spielarten steckt nicht nur Hass auf Juden. Über Jahrhunderte wurde ausgerechnet in der christlichen Theologe die Entfremdung zwischen Kirche und Israel gefördert. Zur Zeit ihrer größten Machtfülle geriet die christliche Kirche in Europa zugleich in eine Phase der größten Verblendung: Juden galten als verflucht, sie wurden als „Gottesmörder“ beschimpft und der Brunnenvergiftung bezichtigt. Eine verkehrte Theologie lieferte die Begründung für Judenpogrome, durch die bereits im Mittelalter blühende Gemeinden im „Heiligen römischen Reich“ ausgerottet wurden. Diese Fehlentwicklung wird heute von allen Kirchen bedauert. Die Landeskirchen sind hier durch einen Lernprozess gegangen und haben inzwischen in ihren Grundordnungen die „bleibende Erwählung Israels“ verankert.

Christen in Distanz zum Alten Testament?

Allerdings hält sich hartnäckig ein Vorurteil auch bei so manchem treuen Kirchgänger, und auch das hat eine Vorgeschichte: Anfang des 20. Jahrhundert formulierte der Berliner Theologe Adolf von Harnack, Judentum und Christentum seien getrennte Religionen, und die Kirche sollte endlich das Alte Testament als „überholt“ hinter sich lassen. Entsprechend fremdeln viele Leserinnen und Leser mit dem ersten Teil der Bibel. Das Vorurteil lautet: Im Alten Testament begegnet uns ein „Rachegott“, während Jesus uns den „Liebesgott“ gebracht habe. Wer tiefer in die Bibel einsteigt, findet dies nicht bestätigt. Altes und Neues Testament ergänzen und bestätigen einander!

Passend zu dieser Distanz gegenüber dem Alten Testament wird der Staat Israel oft kritisch gesehen: Die alten Geschichten der Bibel hätten ja nichts mit dem modernen Israel zu tun. Doch damit wird auseinandergerissen, was zusammengehört: Gott hat sich eben dieses Volk erwählt, er stellt sich zum „Land der Verheißung“ und ist entschlossen, seine Geschichte mit Israel fortzuschreiben – zum Segen für die Menschheit (vgl. 1 Mose 22,16-18). Haben Christen dies im Blick, wenn sie „Solidarität mit Israel“ kundtun?