NEWSLETTER | Dezember 2021

Ist unsere Welt noch bei Trost?

von Swen Schönheit

Die Luft ist bei vielen raus. Die Stimmung ist gereizt. Kaum jemand hätte sich vor einem Jahr vorstellen können, dass wir ein zweites Weihnachten unter dem Schatten von Corona feiern würden. Hinter uns liegt ein schweres Jahr, vieles bleibt unverständlich. Selbst man es in den Kirchen dürfte: Zum Singen ist wohl nur wenigen zu Mute. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?“, dichtete der katholische Theologieprofessor Friedrich Spee im Jahr 1622 (Ev. Gesangbuch Nr. 7). Damals zerriss der 30-jährige Krieg die Völker Europas. Ist unsere Welt 400 Jahre später noch bei Trost, während wir Wohlstand und Frieden erleben dürfen?

Mehr Heiliger Geist zu Weihnachten!

Ich habe mich gefragt, ob wir zu Weihnachten nicht mehr vom Heiligen Geist bräuchten. Sofern Sie von der kirchlichen Tradition geprägt sind, werden Sie diese Frage als „daneben“ empfinden: An Weihnachten feiern wir doch die Geburt von Jesus („geboren von der Jungfrau Maria …“), an Karfreitag und Ostern seinen Tod und seine Auferstehung („gelitten … gekreuzigt und begraben … Am dritten Tage auferstanden …“). Doch genau hier liegt das Problem: Wir haben den Heiligen Geist beim Pfingstfest geparkt. Dann kommt er in unseren Gottesdiensten und Liedern vor, ansonsten spielt er kaum eine Rolle. Höchstens als Beiwerk, als „Dritter“ im Rahmen unserer trinitarischen, theologischen Formeln („Im Namen des Vaters, und des Sohnes …“).

Wenn es wahr ist, was die Bibel im Alten und Neuen Testament bezeugt, nämlich dass der Heilige Geist Gottes „Windhauch“ ist, die Luft zum Atemholen unserer Seele, die bewegende Kraft, die alles verändert, dann leiden wir als Kirche unter akuter Atemnot. Und das nicht erst zu Weihnachten – doch da wird es auffällig: Wird die frohmachende Botschaft „Christ, der Retter ist da!“ (Ev. Gesangbuch Nr. 46) kleinlaut zurückbleiben unter allem Weltschmerz? Wird von den Kanzeln die Kraft des Evangeliums ausgehen, oder bleibt es bei Worten des Mitfühlens und der Mitmenschlichkeit? „Wie wäre es, wenn Weihnachtspredigten die Kraft des Heiligen Geistes bei der Geburt und bei dem Kommen Christi in unsere Welt zum Thema machten? Wenn an Karfreitag der Hingabe Christi ‚im ewigen Geist‘ gedacht würde?“, fragt Jürgen Moltmann 2019 in einem Aufsatz. „Wer hat je Pfingstpredigten zu Weihnachten oder Ostern gehört? Pfingsten ist für mich das größte Fest der Christenheit: Die neue Schöpfung hat schon begonnen und wir sind dabei“, bekennt der seit 1994 emeritierte Theologieprofessor.

Woher kommt bleibender Trost?

Wenn man der Weihnachtsgeschichte nach Lukas folgt, fällt eine Besonderheit auf: Rund um die Geburt von Johannes (dem Täufer) und Jesus wird häufig der Heilige Geist erwähnt. Er, die „dritte Person Gottes“ fährt sozusagen seine Aktivität hoch in dem Moment, wo der Messias die Weltbühne betritt. Gleich achtmal ist in Lukas 1-2 vom Geist Gottes (griechisch pneuma) die Rede. Schließlich kommt es im Tempel zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen dem neugeborenen Jesus und seinen Eltern mit dem alten Propheten Simeon:

„Es war ein Mensch namens Simeon in Jerusalem; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war auf ihm. Und er hatte vom Heiligen Geist die Zusage empfangen, dass er den Tod nicht sehen werde, bevor er den Gesalbten des Herrn gesehen habe“ (Lukas 2,25-27).

Hier begegnet uns zum ersten Mal in den Evangelien das griechische Wort paraklesis, das Jesus später zum Markenzeichen des Heiligen Geistes erklärt: Zuspruch, Trost, Beistand, Ermutigung. All das kommt vom Herzen Gottes, der seinem Volk Israel durch die Propheten des Alten Bundes versprach: „‚Tröstet, tröstet mein Volk! … Redet zum Herzen Jerusalems!“ (Jesaja 40,1-2). Der tröstende, aufrichtende, vergebende Gott gewinnt Gestalt in seinem Sohn Jesus. Der neutestamentliche Prophet Simeon „wartete auf den Trost Israels“. Er wird das Wirken des erwachsenen Jesus nicht mehr erlebt haben. Aber die nächste Generation bezeugte,

„wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm“ (Apostelgeschichte 10,25).

Der Name Jesus (hebräisch Jeshua) ist Programm: „Gott hilft, heilt, rettet“ (vgl. Matthäus 1,21). Er ist Gottes Trost für eine trostlose Welt. Er ist „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Johannes 1,9; 8,12). Kommt dieses Licht in unserer Zeit durch? Kommt es bei uns an: in unseren Überzeugungen, unseren Emotionen, unserer Weltsicht? Wie wirksam ist die alte Botschaft: „Christ, der Retter ist da!“ – nicht nur in den Weihnachtspredigten, sondern in unseren Herzen und in unseren Häusern?

Das Zeitalter des Geistes ist längst da!

Auch die Jünger waren untröstlich, als Jesus von ihnen Abschied nahm. Mit seiner Kreuzigung zerbrachen sämtliche Hoffnungen, die sie in ihn gesetzt hatte. Doch Jesus versprach seine Rückkehr – in anderer Gestalt. Im Grunde kündigte eine Art Stabwechsel an: Der Heilige Geist würde seine Rolle übernehmen. Durch ihn würde er künftig nicht nur bei ihnen sein, sondern sogar in ihnen: „Wenn ich nicht von euch wegginge, käme der Helfer nicht zu euch; wenn ich aber gehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Johannes 16,7). In seinen Abschiedsreden (Johannes 14-16) gebraucht Jesus gleich viermal eine eigentümliche Bezeichnung für den Heiligen Geist: Das griechische Wort parakletos meint wörtlich „der Herbeigerufene“. Man kann auch übersetzen: „Helfer, Beistand, Ratgeber, Tröster“. Gott selbst verwendet sich für uns. Er steht uns bei. Er tröstet. So wie er es in den Zeiten der Bibel durch Jesus tat, geschieht es nun durch seinen Heiligen Geist: für alle Zeiten und überall gleichzeitig!

„Der Geist der Wahrheit … bleibt bei euch und wird in euch leben. Nein, ich lasse euch nicht als hilflose Waisen zurück. Ich komme wieder zu euch. … Er wird euch alles erklären und euch an das erinnern, was ich gesagt habe“ (Johannes 14,17.18.26).

Lebst du in dieser Dimension des Geistes? Kennst du den „Tröster“, den Gott seit Pfingsten in die Welt gesandt hat? Spürst du seine Anwesenheit in deinem Herzen? Er bietet den wirksamsten Schutz gegen Untergangsstimmung und Hoffnungslosigkeit. Der Apostel Paulus hat in seinem Dienst viele Anfeindungen erlebt. Doch er war gewiss: Die beständige Gegenwart des Geistes ist der Garant für inneren Frieden und Zuversicht (Römer 5,3-5).

Getröstete Menschen können andere trösten

„Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in all unserer Bedrängnis, damit wir die trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, durch den Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden“ (2 Korinther 1,3-5).

In keinem seiner Briefe verwendet Paulus das griechische Wort paraklesis so häufig wie in diesem zweiten Brief nach Korinth (hier mit „Trost“ übersetzt). Dieser Brief ist mehr als alle anderen von Konflikten geprägt, von Missverständnissen und Vorwürfen, gegen die sich der Apostel zur Wehr setzen muss. Und in keinem anderen Brief spricht Paulus so offen von seinen Leiderfahrungen, die sein Dienst mit sich brachte. Dennoch erlebte er „überreichen Trost“ von Gott und war in der Lage, andere zu trösten (vgl. auch 2 Thessalonicher 2,16-17)!

Ich wünsche mir diese Haltung. Ich möchte mich persönlich von Gott trösten lassen, seinen Geist als Ermutiger, Beistand und Ratgeber stets an mich ranlassen. Um frei zu sein frei für andere, die gerade jetzt Gottes Trost brauchen. Mehr Heiliger Geist zu Weihnachten …? Nein, nicht nur: jederzeit!

Swen Schönheit | Dezember 2021

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