NEWSLETTER | Februar 2022

Kirche ohne Bekehrung?

Von der Gnade einer erneuerten Beziehung zu Gott

von Swen Schönheit

Die Berliner Stadtreinigung (BSR) hat inzwischen einen guten Ruf. Ihr Personal ist fleißig und hilfsbereit. Vor allem erheitern die originellen Slogans auf ihren Fahrzeugen. „Die Bekehrung Berlins“ war das Motto einer neuen Imagekampagne zur Jahrtausendwende. Damals verursachte die Loveparade im Herzen Berlins tonnenweise Müll. Aber die Sache mit der „Bekehrung“ ist natürlich ironisch gemeint. Bekehrt werden will normalerweise niemand …

Johannes der Täufer, Wegbereiter von Jesus und Anziehungspunkt für Tausende in Israel trat auf mit der herausfordernden Botschaft von „Umkehr zur Vergebung der Sünden“. Jesus übernahm diesen Aufruf: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,4.15). Umkehr und Neuausrichtung des Lebens sind Voraussetzungen, um mit Gott in Ordnung zu kommen. Der Preis ist hoch, aber der Gewinn unermesslich! Damit beginnt das „Evangelium“, zu Deutsch „gute Nachricht“. Umkehr, Vergebung, Glaube, das sind die Eckdaten einer erneuerten Beziehung zu Gott.

Zielverfehlung oder Neuausrichtung?

Kann man mit „Bekehrung“ Menschen locken? Im religiösen Sinn wohl kaum. Doch bezogen auf unseren Alltag geht es gar nicht anders. Wenn man sich mit dem Auto verfahren hat oder einen Abzweig verpasst, ist dies ärgerlich und kostet Zeit. Auch der Navi kann sich schon mal irren und wir verfehlen das Ziel. Ein Kollege fuhr mich zum Bahnhof in Bonn, doch sein Navi führte uns in eine Baustelle hinein und wir mussten mitten im Kiesbett wenden. Ich hatte es eilig und der Zug würde nicht auf mich warten. „Umkehr“ ist in diesem Fall nötig, und zwar sofort! So ist auch „Bekehrung“ im Sinn einer Neuausrichtung auf das Ziel hin keine Zumutung, sondern wirkt befreiend.

Bekehrung – für unsere Kirche ein Tabu?

Warum tut sich unsere Kirche so schwer mit der Rede von „Bekehrung“? Im Kreis von Theologen/innen greift man schnell zu der beschwichtigen Formulierung, man wolle „natürlich niemanden bekehren“. Auch das Stichwort „Mission“ wirkt irgendwie verbrannt und wird nur unter Vorbehalt verwendet. „Ich will nicht missionieren, sondern die Bedürfnisse der Menschen hören“, lässt uns der Seelsorger einer süddeutschen Klinik in der „Apotheken Umschau“ wissen. Natürlich: den Menschen mit Verständnis begegnen, aber bitte ohne jede Zumutung! Das ist inzwischen ein Qualitätsmerkmal im Mainstream unserer Kirche. Sind wir noch auf der Spur von Johannes und Jesus, die das Evangelium mit dem Aufruf zur Umkehr verknüpften? Wie billig ist unser Angebot geworden?

Die Bibel: eine Einladung zur Umkehr

Wenn man einen Streifzug durch die Christenheit der ersten Generation unternimmt, begegnet einem auf Schritt und Tritt das Zeugnis lebendigen Glaubens: Menschen aus unterschiedlichen kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründen hören die Botschaft und öffnen sich dafür. In der Apostelgeschichte des Lukas begegnen uns zwar auch von Haus aus religiöse, „gottesfürchtige“ Menschen. Dennoch wird Glaube nie als Naturell oder bloße Gruppenzugehörigkeit vorausgesetzt. Die typische Berichtsform heißt: Er oder sie „kam zum Glauben“ (Apostelgeschichte 8,12; 14,23; 19,2; 16,34; 18,8). Es gab also ein „Vorher“ und ein „Nachher“ – spürbar für die betroffene Person und ihr Umfeld. Fast 20-mal stoßen wir im Neuen Testament auf das Verb „sich bekehren“. Gemeint ist jeweils, dass ein Mensch sich Gott bewusst „zuwendet“, eine persönliche Lebenswende vollzieht und damit zu einer lebendigen Glaubensbeziehung findet. Bekannt ist vielen die Geschichte vom „verlorenen Sohn“: Nach einer turbulenten Lebensphase kommt er zur Besinnung, kehrt um nach Hause und läuft seinem Vater in die Arme (Lukas 15). Jesus malt uns mit dieser anrührenden Erzählung vor Augen: Egal wie weit wir von Gott entfernt sind, es gibt einen Weg zurück. Ob sich dies als dramatische „Bekehrung“ ereignet oder sich ein organischer Prozess entwickelt, entscheidend ist die Richtung. Gott sehnt sich nach der Beziehung mit jeden von uns – doch kommen müssen wir schon selbst! Das ist der Sinn der biblischen Rede von der „Bekehrung“.

Ohne Bekehrungen: keine Zukunft der Kirchen!

Unsere Kirchen werden allmählich aussterben, wenn sie das Konzept der Bekehrung nicht wiederentdecken. Wir sind längst auf einem freien religiösen Markt, wo die Familientradition kaum noch trägt. Glaube ist wieder zu einer Sache der persönlichen Entscheidung geworden. Alexander Garth legt dies in seinem neuen Buch „Untergehen oder umkehren“ (2021) eindringlich dar:

„Das vernachlässigte Thema Mission ist zur Überlebensfrage der Kirchen hierzulande geworden. Weil eben die biologische Reproduktion nicht mehr funktioniert, muss die Kirche wieder missionarisch werden. Dies hatte sie in der Vergangenheit nicht nötig, aber heute entscheidet das ihre Zukunft.“
(Seite 98-99).

Die Einsicht ist ernüchternd, aber heilsam: Die Kirche von morgen wird immer weniger aus Mitläufern, dafür aber aus Entschiedenen bestehen. Ohne Mission keine Zukunft! So darf auch „Bekehrung“ nicht länger tabu sein – auch wenn es dafür durchaus andere Begriffe gibt. Gemeinden sollten Angebote schaffen, in denen Menschen Glaubensinhalte neu entdecken, aber auch „zum Glauben kommen“ können, indem sie eine persönliche Entscheidung vollziehen. Dafür haben sich u.a. Glaubenskurse bewährt. Natürlich können wir immer nur werben und sollten niemals Druck ausüben. Erzwungene Bekehrungen haben noch nie zum Heil geführt. Letztlich wirbt Gott selbst in seiner Liebe um jeden von uns, wir können seine Einladung nur weiterleiten.

„Bekehrung“ und die Berliner Stadtreinigung – nicht nur ein witziges, sondern ein verheißungsvolles Bild: Wenn wir uns von Herzen Gott zuwenden, kommt die himmlische „Kehrmaschine“ ins Spiel. Der Heilige Geist beginnt, uns von innen her zu reinigen. Es kann nur noch besser mit uns werden!

Swen Schönheit | Februar 2022

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