NEWSLETTER | Februar 2021

Noch mehr Barmherzigkeit …

Die Jahreslosung und das große Herz unseres Gottes

von Swen Schönheit

Es gehört zu den herausragenden Merkmalen der Bibel, dass sie vom Herzen Gottes spricht und anschaulich seine Charakterzüge benennt. Manche nehmen Anstoß vor allem am Gottesbild im Alten Testament, weil Gott dort so menschlich darstellt wird (Anthropomorphismus). Der Schöpfer „geht im Garten umher“, weil er dem Menschen nahe sein möchte (1 Mose 2,15; 3,8-10). Er sieht die Eskalation des Bösen unter den Menschen „und es schmerzte ihn bis in sein Herz hinein“ (1 Mose 6,6). Unsere Sünde berührt Gott persönlich … ein entscheidender Unterschied übrigens zum Gottesbild des Islam (vgl. 1 Mose 18,17.20; 19,13; Jes 43,24). Gerade an den Propheten des Alten Bundes personifiziert sich etwas von Gottes Schmerz über die Abwege seines Volkes.

Wir sollten den Begriff „Herz“ allerdings nicht einseitig auf emotionale Aspekte verengen. In der Anthropologie des Alten Testaments ist „Herz“ kein Gegensatz zu „Kopf“, im Gegenteil: Das Herz des Menschen steht für seine Gedanken, Entschlüsse und Entscheidungen. So steht „Gottes Herz“ häufig für seine Pläne und Absichten, seinen erklärten Willen. Darüber hinaus meint „Herz“ Gottes persönliche Zuwendung. Genau hier wird es spannend für uns: „Was ist der Mensch, dass du ihn so hochhältst und dein Herz auf ihn richtest?“ (Hiob 7,17).

Es bleibt jedoch ein Konflikt bestehen zwischen Gottes Gerechtigkeit und seiner Barmherzigkeit, zwischen Gnade einerseits und verdientem Gericht andererseits. Dass Gott diesen irgendwann in sich selbst lösen würde, deutet sich bereits im Alten Testament an: „Wie kann ich dich preisgeben, Ephraim …? Umgedreht in mir hat sich mein Herz, meine Reue entbrennt mit Macht.“ (Hos 11,8-9) In diesem Prophetenwort bei Hosea ringt Gott mich selbst: Er könnte sein Volk „umstürzen“ wie damals Sodom und Gomorra. Stattdessen heißt es: „Umgestürzt ist in mir mein Herz …“ Gott musste sein Volk zur Rechenschaft ziehen, doch am Ende zahlt er den Preis für unsere Sünde selbst – so tief geht sein Erbarmen! Das volle Ausmaß der Barmherzigkeit Gottes offenbart sich schließlich im Opfer seines „eigenen Sohnes“ (Röm 8,31-34).

Gottes Barmherzigkeit, das ist auch seine mütterliche Seite. Immer wieder wird die Denkweise des Alten Testaments als patriarchalisch kritisiert. Es fehlt denn auch nicht an Versuchen, in den biblischen Text „gerechte Sprache“ einzutragen. Doch die Beschäftigung mit der hebräischen Bibel zeigt uns ein anderes Gottesbild, als es aus feministischem Blickwinkel vermutet wird. Zu den typischen „Markenzeichen“ Gottes gehört die wiederkehrende Aussage, dass „der Herr, der starke Gott, … barmherzig und gnädig ist, langsam zum Zorn und von großer Gnade und Treue“ (2 Mose 34,7). Erstaunlicherweise ist das hebräische Verb racham („sich erbarmen“) abgeleitet vom Begriff rächäm bzw. rachamim. Wörtlich bedeutete dies „Mutterschoß“ bzw. „Eingeweide“. Wenn Gott sich über Menschen erbarmt, ist sein „Innerstes“ in Bewegung und uns ganz zugewandt. „Wie einen seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ (Jes 66,13) Das sagt der Gott des Alten Testaments, der immer wieder als „Rachegott“ bezeichnet wurde!

Zum Erbarmen Gottes gehört ein wichtiger Aspekt, der ebenfalls das Alte Testament wie ein geheimnisvoller roter Faden durchzieht: Das hebräische Verb „trösten“ kann auch „bereuen“ bedeuten. Dabei ist nicht gemeint, dass Gott wankelmütig wäre. Vielmehr ist er bereit seine Pläne zu ändern und sein Gericht zurückzunehmen, sobald Menschen oder Völker von Herzen umkehren. „Da reute den Herrn das Unheil, das er seinem Volk anzutun gedroht hatte“ (2 Mose 32,14; vgl. Jes 54,7; Joel 2,14). Im Buch Jona wird die Umkehr der heidnischen Stadt Ninive dokumentiert: Gott hält sein angedrohtes Gericht zurück, während sein Prophet sich beleidigt zurückzieht. „Sollte ich kein Mitleid haben mit der großen Stadt Ninive …?“ (Jona 4,2.11) Als David sich am Ende seiner Laufbahn erneut schuldig machte, ließ Gott ihn sogar auswählen zwischen mehreren Varianten des Gerichts über Israel. David kannte seinen Gott und wollte lieber in die Hand Gottes fallen, „denn seine Barmherzigkeit ist sehr groß.“ Und wieder lesen wir, dass den Herrn „das Unheil reute“ (1 Chr 21,13-15).

Das sind doch hoffnungsvolle Perspektiven für das Jahr 2021, das so bedrückend begonnen hat wie das Jahr 2020 endete. Doch Gottes Erbarmen bleibt. Sein großes Herz ist die wahre Hoffnung für unsere Welt!

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