NEWSLETTER | Dezember 2020

Weihnachten unter merkwürdigen Vorzeichen –

Führt der Lockdown zu einer „kirchlichen Hungersnot“?

von Swen Schönheit

Ausgerechnet kurz vor Weihnachten diese Diskussionen! Sollen wir überhaupt noch Gottesdienste in der Kirche durchführen? Oder lieber nur draußen? Was ist mit den Kindern, die fürs Krippenspiel geübt haben? Und wer hat denn Weihnachten „nötiger“: Kinder und Familien oder die alten Menschen? Ach ja, gab es nicht so etwas wie den „Auftrag zur Verkündigung“, auf den sich Pfarrer/innen mit ihrer Ordination verpflichtet haben?

Wenn das Gebäude erst einmal geschlossen ist, fällt Gemeindeleben praktisch in sich zusammen. Zu lange haben wir unbewusst mit der Gleichung gelebt: „Kirche = Gebäude + Veranstaltung + Hauptamtliche“, eben als programmorientierte Kirche gelebt. Wie weit haben wir als „Kirche der Reformation“ verinnerlicht, was das Neue Testament unter „Kirche / Gemeinde“ (Ekklesia) versteht? Führt der Lockdown zu einer Art „kirchlicher Hungersnot“, weil die gewohnte Versorgungskette unterbrochen ist? Haben unsere Gemeinden, denen wir bisher in großer Regelmäßigkeit den Tisch gedeckt haben, auch gelernt sich selbst zu versorgen?

Hungersnöte begegnen uns immer wieder im Verlauf der biblischen Geschichte (2 Sam 21,1; 1 Kön 8,37; Hes 14,13; Lk 4,25; Apg 11,24). Gott lässt sie zu, doch dann überwindet er sie durch sein souveränes Handeln! Die prominenteste Figur in diesem Zusammenhang ist Josef aus dem Alten Testament (vgl. Apg 7,11): Als Jugendlicher wurde er von seinen Brüdern misshandelt, verraten und als Sklave verkauft. Schließlich landete er aufgrund falscher Anschuldigungen im Gefängnis. Es war die einzigartige Verbindung von prophetischer Traumdeutung, „Weisheit von oben“ und unternehmerischem Denken, das ihn über Nacht zum Chefberater für den ägyptischen Pharao werden ließ. Josef riet dazu, in den Jahren des Überflusses Vorratshäuser zu bauen und 20 % der Erträge einzulagern. Dann würde das Volk die kommenden sieben Dürrejahre überstehen (1 Mose 41).

Ich frage mich: Haben wir diese spirituelle Dichte in unserer Kirche, dass wir nicht nur „träumen“ können, sondern auch prophetisch hören und die kommenden Zeiten durchschauen können? Gibt es unter uns konkret erfahrbare Leitung durch den Heiligen Geist, durch die wir Kirche zukunftsfähig machen? Viel Kraft wird investiert in den Umbau von Strukturen, Personal- und Finanzplanung. Doch haben wir in all dem die geistliche Substanz im Blick, die Ausstrahlungskraft und den „Nährwert“ von Kirche für diese von Gott geliebte Welt (vgl. Matthäus 5,13-16)? Wo sind langfristige Strategien, die Kirche fit machen für Dürrezeiten? Hat uns die jetzige Krise nicht alle mehr oder weniger kalt verwischt? Und ist der Weg ins Digitale eine ausreichende Antwort?

Ich bleibe beim Bild von den Vorratshäusern und frage: Haben wir „die fetten Jahre“ genutzt,

  • um Gemeindeglieder in ihrem Glauben so zu stärken, dass sie sich selbst gut ernähren können? Welchen Stellenwert haben persönliches Gebet, Bibellektüre und -Meditation in unseren Gemeinden?
  • um Kleingruppen aufzubauen, „wo zwei oder drei zusammenkommen, die zu mir gehören“ (Matthäus 18,20)? Haben wir das Konzept von „Gemeindeleben zuhause“ rechtzeitig gefördert? Sind unsere Gemeindeglieder befähigt, als „Laien“ das Abendmahl einsetzen und miteinander zu feiern?

Vielleicht ist diese Zeit der Erschütterung im Tiefsten von Gott als „Gnadenzeit“ gedacht: Er klopft unsere System auf ihre Haltbarkeit ab, auch die kirchlichen. Er möchte, dass wir auf unerschütterlichen Grund bauen. Er ruft uns zurück zu den einfachen Wahrheiten, die wir in seinem Wort finden. Krisenzeit – Zeit für Kurskorrekturen! Die Pandemie wird aufhören. Doch wie nutzen wir die Zeit danach? Sind wir weise und entschlossen wie Josef?

Gesegnete Feiertage in diesem „anderen Weihnachten“ 2020!

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