NEWSLETTER | September 2022

„Das Blut deines Bruders schreit zu mir …“

Wie Nationen Heilung erleben können

von Swen Schönheit

Nach dem Bericht der Bibel stehen am Anfang der Menschheitsgeschichte zwei Fragen. Es sind fundamentale Fragen. Es sind Fragen, die Gott an uns Menschen stellt. Die erste richtet sich an Adam: „Wo bist du?“ Der Prototyp der Menschheit hat sich vor Gott versteckt. Er reagiert mit Schuldgefühlen gegenüber seinem Schöpfer. Die zweite Frage richtet sich an Kain, der soeben seinen Bruder Abel erschlagen hat: „Wo ist dein Bruder?“ (1 Mose 3,9; 4,9).

Gewalttäter haben es an sich, dass sie ihre Taten verschleiern, die Toten verscharren, vergossenes Blut leugnen. Aber Gott geht dem nach! „Denn er forscht nach der Blutschuld und denkt daran; er vergisst das Schreien der Elenden nicht“ (Psalm 9,13). Durch die Bibel zieht sich eine Spur von unschuldig vergossenem Blut. Das Buch der Bücher berichtet davon ungeschminkt. Sie ist nicht das Buch des Menschen, der „edel, hilfreich und gut“ (Goethe) daherkommt. Aber in ihr klingt auch der Widerhall der Stimme Gottes: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Gott fragt nach. Er ahndet Blutschuld. Gott vergisst nicht und deckt wieder auf – oft noch nach Generationen. Wir wundern uns dann nur, warum es zu bestimmten politischen Spannungen kommt …

Gott deckt auf – um endlich zuzudecken

Mose gegenüber hat sich Gott vorgestellt als „ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Gnade und Treue, der Gnade bewahrt Tausenden, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, der aber nicht ungestraft lässt, sondern die Schuld der Vorfahren heimsucht an Söhnen und Enkeln, bis zur dritten und vierten Generation“ (2 Mose 34,6-7). Man mag diese „Heimsuchung“ noch nach Generationen als ungerecht empfinden. Aber tatsächlich stehen wir alle in einem größeren Schuldzusammenhang. Das hebräische Verb in diesem Text, zu dem es viele Parallelen im Alten Testament gibt, meint weniger die „Strafe“ als vielmehr ein „Nachfragen“, eine kritische „Überprüfung“.

Unrecht und Gewalt, vor allem unschuldig vergossenes Blut hat immer langfristige Auswirkungen auf die Geschichte eines Landes. Die Folgeschäden sind verborgen, aber nachhaltig – wie bei kontaminierten Böden oder Flüssen. Dass Gott aufdeckt, ist letztlich ein Ausdruck seiner Gerechtigkeit. Er weiß genau, dass Vergessen keine Lösung ist. Allein Vergebung löst den Knoten! Und Gott ist bereit unsere Schuld zuzudecken – allerdings nur, wenn wir bereit sind, sie vor ihm zu bekennen. „Wir haben gesündigt, so wie schon unsere Vorfahren, wir haben Unrecht getan und gottlos gehandelt“, heißt es in den Gebeten Israels (Psalm 106,6). Die Geschichte zeigt: Wo Menschen sich zu ihrer Verantwortung stellen und Schuld bekennen, wird der Weg in die Zukunft frei. Das gilt für jeden einzelnen Menschen, für die Geschichte von Familien, für historische Schuld der Nationen.

Lügen sich Nationen in die eigene Tasche?

Nicht wenige Nationen pflegen einen Narrativ, der von bestimmten Mythen und der Verehrung früherer Helden geprägt ist. Die Schattenseite ist oftmals eine Geschichte von Unterdrückung und Gewalt. Wie gehen Nationen mit ihrer Schuldgeschichte um, mit dem „unschuldig vergossenen Blut“ (vgl. 5. Mose 21,8)? Übernehmen sie die Verantwortung für ihre Vergangenheit, oder schieben sie die Schuld auf andere ab? Sehen sich womöglich in der Opferrolle? „Warum darf der Frevler Gott verachten, in seinem Herzen sprechen: Du greifst nicht ein?“ (Psalm 10,12).

Im Alten Testament spricht Gott Nationen oft mit „du“ an, als wären sie Persönlichkeiten. Er spricht sie durch seine Propheten mit Namen an, weil er ihr „Herz“ gewinnen will! Solange Nationen ihre Schuldgeschichte nicht ehrlich aufarbeiten, bleiben sie „unreif“ und entwickeln eine ungesunde Identität. „Wer seine Schuld verheimlicht, dem wird es nicht gelingen, wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen“ (Sprüche 28,13).

Dankbar für die deutsche Nachkriegsgeschichte

Als Kind der Nachkriegszeit bin ich ausgesprochen dankbar für die Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland. Lange hat es gebraucht, aber inzwischen sind die meisten dunklen Ecken in unserem Land ausgeleuchtet. Führende Politiker haben öffentlich um Vergebung deutscher Schuld während der NS-Herrschaft gebeten.

Denken wir nur an den legendären Kniefall von Willy Brandt 1970 am Ort des früheren Warschauer Ghettos. Oder die historische Erklärung der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR 1990: „Wir bitten die Juden in aller Welt um Verzeihung. Wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung …“ Oder die Bitte „um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation“ durch Johannes Rau 2000 vor der Knesset. Wie ein roter Faden zieht sich, trotz aller Tendenz zur Verdrängung, diese demütige Haltung durch die Jahrzehnte deutscher Nachkriegsgeschichte. Könnte dies anderen Nationen als Beispiel dienen?

Dieses Land habe als einziges der Welt „die Erinnerung an die eigene nationale Schande“ in Denkmälern verewigt, meinte Avi Primor, der frühere israelische Botschafter in Deutschland, am Volkstrauertag 2014: „Mit so einem Deutschland trauere ich gerne zusammen.“

Gottes Weg der Heilung: das Opfer am Kreuz

Das Neue Testament weist den Weg zur Heilung – auch für Nationen: Das vergossene Blut Jesu Christi „redet machtvoller als das Blut Abels“. Der Sohn Gottes hat durch sein Sterben am Kreuz „eine ewige Erlösung“ bewirkt (Hebräer 12,24; 9,12). Wenn die Kirche in einer Nation wach ist und ihre eigene Botschaft ernstnimmt, wenn Christen stellvertretend Verantwortung übernehmen und vor Gott im Gebet eintreten – auch im Blick auf vergangene Schuld –, kann Gott Heilung schenken. Wir sollten beten, dass dies in unserer Zeit weltweit geschieht!

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Swen Schönheit | September 2022

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